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Tryptophan, SIRT6 und Gehirn: Wenn eine Aminosäure über Hirnalterung mitentscheidet

  • jensschauberger
  • 18. Jan.
  • 2 Min. Lesezeit


Tryptophan ist mehr als nur eine „Schlafaminosäure“ – es ist Ausgangsstoff für Botenstoffe, die Stimmung, Schlaf und zelluläre Energie steuern. Eine aktuelle Arbeit in Nature Communications zeigt: Das Enzym SIRT6 wirkt dabei wie ein Stoffwechsel‑Schalter, der mitbestimmt, ob Tryptophan eher schützend oder eher schädigend auf das Gehirn wirkt.

Mit zunehmendem Alter verschiebt sich dieser Stoffwechsel in Tiermodellen hin zu Mustern, die auch bei neurodegenerativen Erkrankungen beobachtet werden – und genau hier wird Lebensstil interessant.


Tryptophan: Mehr als Serotonin und Melatonin

Aus Tryptophan entstehen im Körper mehrere zentrale Moleküle.

  • Serotonin unterstützt Stimmung, Impulskontrolle und verschiedene kognitive Funktionen.

  • Melatonin steuert den zirkadianen Rhythmus und die Schlafarchitektur.

  • Über den Kynurenin‑Weg liefert Tryptophan Vorstufen für NAD⁺, das für mitochondrialen Energiestoffwechsel unverzichtbar ist.

Problematisch wird es, wenn der Fluss von Tryptophan zu stark in Richtung Kynurenin‑Weg kippt: Einige Kynurenin‑Metabolite wirken in Tier‑ und Zellmodellen neurotoxisch oder proinflammatorisch und werden mit Alzheimer, Parkinson und depressiven Störungen in Verbindung gebracht.

SIRT6 als Stoffwechsel‑Schalter im Gehirn

Die neue Studie zeigt, dass SIRT6 die Genexpression von Enzymen steuert, die darüber entscheiden, wie Tryptophan im Gehirn genutzt wird.

  • SIRT6 reguliert unter anderem TDO2 und damit den Einstieg in den Kynurenin‑Weg.[nature]​

  • In SIRT6‑defizienten Modellen steigt die Bildung neurotoxischer Kynurenin‑Metabolite, während Serotonin‑ und Melatoninproduktion zurückgehen.

  • Diese Verschiebung geht mit Störungen von Schlaf, Motorik und neurodegenerativen Veränderungen in Tiermodellen einher.

Umgekehrt konnte eine pharmakologische Hemmung des Kynurenin‑Wegs in Modellen mit SIRT6‑Mangel neurologische Defizite teilweise rückgängig machen – ein Hinweis darauf, dass hier ein therapeutisch adressierbares System vorliegt.


SIRT6, Altern und Lebensstil: Was ist gesichert, was noch Hypothese?

SIRT6 wird seit Jahren als „Langlebigkeits‑Sirtuin“ diskutiert, weil es DNA‑Reparatur, Stoffwechsel und Entzündungsprozesse beeinflusst. Tier‑ und Humandaten legen nahe, dass bestimmte Lebensstilfaktoren Sirtuine (v. a. SIRT1, teilweise SIRT6) modulieren können.

  • Kalorienrestriktion und körperliche Aktivität erhöhen in Modellen die Expression von SIRT‑Proteinen und dämpfen NF‑κB‑getriebene Entzündung.

  • „Cellular exercise“ – also kontrollierter, leichter Stress durch Training oder moderates Energiedefizit – wird als Mechanismus beschrieben, über den Sirtuine zu besserer Stoffwechsel‑ und Gefäßgesundheit beitragen.

Direkte Humaninterventionsdaten speziell zu SIRT6 sind noch dünn, aber es ist biologisch plausibel, dass ein Lebensstil, der Entzündung reduziert, Schlaf stabilisiert und mitochondriale Funktion verbessert, auch dieses Enzym günstig beeinflusst.


Praktische Stellschrauben: Wie dein Lebensstil in den Tryptophan‑Stoffwechsel hineinwirkt

Auch wenn die SIRT6‑Studie keine klassischen Lifestyle‑Interventionen testet, lassen sich aus der Summe der Daten einige praxisrelevante Hebel ableiten.

  • Ernährung mit niedriger Entzündungslast

    Weniger ultra‑verarbeitete Lebensmittel, mehr unverarbeitete Proteinquellen, gesunde Fette und polyphenolreiche Pflanzen scheinen über Nrf2‑Aktivierung und weniger chronische Entzündung die zelluläre Stressantwort zu verbessern.

  • Bewegung als Anti‑Kynurenin‑Strategie

    Regelmäßiges Ausdauer‑ und Krafttraining senkt in Studien Kynurenin‑Spiegel und verschiebt den Tryptophan‑Stoffwechsel in eine eher neuroprotektive Richtung.

  • Kalorienrestriktion, Intervallfasten und „metabolische Flexibilität“

    Moderate Energierestriktion und Fastenprotokolle können Sirtuine hochregulieren, Entzündung dämpfen und die NAD⁺‑Homöostase verbessern – Mechanismen, die zu den in Modellen beobachteten SIRT6‑Effekten passen.

  • Schlaf und zirkadiane Stabilität

    Melatoninproduktion ist stark vom Licht‑Dunkel‑Rhythmus abhängig; chronisch gestörter Schlaf verschlechtert antioxidative Kapazität und fördert neuroinflammatorische Prozesse.

    Stabile Schlafzeiten, Dunkelheit am Abend und Tageslicht am Morgen sind einfache Hebel, um die melatoninabhängigen Schutzmechanismen nicht zusätzlich zu belasten.

Damit wird SIRT6 zu einem spannenden Bindeglied zwischen Tryptophan‑Stoffwechsel, Hirnalterung und Lebensstil – weniger als „magischer Schalter“, mehr als Knotenpunkt in einem komplexen Netzwerk.



 
 
 

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